Bahnkantine

Bahnkantine

Neustadt. Die „Documenta“ in Kassel, die Biennale in Venedig, die „Skulptur-Projekte“ in Münster ziehen Tausende an. Moderne Kunst in kleinerem Rahmen und die Möglichkeit, mit deren „Urhebern“ ins Gespräch zu kommen, bieten in Rheinland-Pfalz traditionell die „Offenen Ateliers“ am dritten und vierten Septemberwochenende. Beteiligt ist in diesem Jahr auch der Lachener Künstler Olaf E. Bergmann mit dem „Projekt 51“ in der „Kantine 16“ am Neustadter Hauptbahnhof, Vorplatz links. Dabei sind nicht nur seine eigenen, sondern auch Arbeiten weiterer Künstler zu sehen.

„Den Künstlern bei ihrem Schaffen über die Schulter schauen können Besucher in der ,Kantine 16’ nicht“, sagt Bergmann. „Dieses Prinzip habe ich aufgebrochen.“ Stattdessen können sich die Kunstinteressierten hier mir Arbeiten der unterschiedlichsten Richtungen auseinandersetzen. Und natürlich auch mit Olaf Bergmann, der mit seinem Atelier in Lachen-Speyerdorf schon seit vielen Jahren bei den „Offenen Ateliers“ dabei ist. Er hat in Karlsruhe Kunst studiert, ist Bildhauer und arbeitet „gern mit Gesellschaftsstrukturen“, wie er betont, „denn Kunst ist untrennbar mit Gesellschaft verbunden“. In Neustadt versucht er nun, mit der „Kantine 16“ „etwas zu schaffen, das man hier nicht vermutet“. Indem er beispielsweise neben Kunst mit dem Verein „Projekt 51“ (auch an den Tagen des „Offenen Ateliers“) in Kooperation mit den Bürgerwerken Heidelberg Energie verkauft: Bürgerstrom aus erneuerbaren Energien, um auch auf diese Weise Bürger in die Verwirklichung von Kunst- und Kulturprojekten wie der Renovierung des 1685 errichteten Fachwerkhauses in der Theodor-Heuss-Straße 51 in Lachen einzubinden, das dem Projekt 51 seinen Namen gegeben hat. Der Handel mit Strom selbst wiederum ist „das Resultat der Beschäftigung mit dem Thema „Kunst und Kilowatt“ in seiner Mühle in Lachen-Speyerdorf. Exakt geplant sei das alles nicht gewesen, auch nicht so vorgesehen. Doch da der Mensch, wie Bergmann es ausdrückt, „in die Zeit hineingeht“, finde nicht er die Dinge, sondern die Dinge ihn. „Ich agiere mit dem, was auf mich zukommt.“ Und damit erregt er Aufmerksamkeit. Nicht nur bei jenen Künstlern der Region, die beim „Offenen Atelier“ in der „Kantine 16“ ausstellen, sondern auch bei der Kunsthalle Mannheim. Sie ist wegen eines Neubaus bis Ende des Jahres „on the move“ und macht nun mit Werken des Dresdner Konzeptkünstlers und Documenta-Teilnehmers Olaf Holzapfel in der „Kantine 16“ Station. Olaf Holzapfel werde mit seinen künstlerischen Arbeiten zur Fachwerkarchitektur gleichsam „der geistige Mittelpunkt des ,Offenen Ateliers’“ sein, so Bergmann. Im Bereich Architektur soll auch das Büro Ortner & Ortner mit dem Projekt Jahnplatz in Lachen-Speyerdorf vertreten sein, Das Landauer Architekten-Duo „Dury et Hambsch“ zeigt ebenfalls innovative Ideen. Zudem wird sich das „Offene Atelier“ architektonisch auch sichtbar nach außen öffnen: Auf dem Dach wird eine 64 Kubikmeter große Würfelstruktur des in Gleisweiler lebenden Bildhauers und Karlsruher Akademie-Professors David D. Lauer installiert. Olaf Bergmann selbst will mit Plastiken und Objekten unterschiedliche Positionen erfahrbar machen, und er will auch den Ort der Ausstellung selbst, die Kantine, in den Fokus des Betrachters rücken. Wände, Decken, Böden und noch bestehende Einrichtungen beziehen einige der Künstler in ihre Präsentationen ein, indem sie sie umgestalten und verändern und so zu temporärer Kunst in einem temporären (Frei-)Raum machen. In Anbetracht dessen, dass die „Kantine 16“ in einigen Jahren abgerissen werden soll, sind solche Aktionen auch ein deutlicher Hinweis auf Veränderbarkeit und Vergänglichkeit von Kunst, die zudem von verschiedenen Künstlern weitergeführt werden können. Dafür sind die Arbeiten in der Toilettenanlage ein Beispiel. Bergmann hatte bereits stellenweise die Wände verziert, als die Neustadter Theaterpädagogin Judith Becker die Weiterführung übernahm. Becker, die „als Initiationsritus“ bereits vor einigen Wochen eine Performance mit Masken in der ehemaligen Bahnkantine gezeigt hat (wir berichteten), wird Collagen in der Toilettenanlage präsentieren. Die ursprünglichen Installationen wie Urinale inklusive Kalkablagerungen und Urinstein sind darin einbezogen. Die Maikammererin Cordula Wagner schließlich hat sich vorgenommen, Sichtweisen zu verändern, indem sie zum Beispiel einen alten Spiegel mit in die Wandgestaltung einbezieht. Mit seiner Hilfe wird Spiegelschrift an den Wänden lesbar. Der von der Minimal Art inspirierte Mannheimer Maler Holger Endres zeigt schwarze Leinwände mit Acrylfarbe und Lack, der freie, aus Bad Dürkheim stammende Fotojournalist Jonas Wresch, 2016 Stipendiat beim „Stern“ in Hamburg, regt mit Bildern von politischer Brisanz zum Nachdenken an. Barbara Denzler, Christian Heuchel, Kassandra Becker und Susanne Wadle komplettieren die Künstlerriege.

Rheinpfalz, 14. September 2017